«There’s some ethnic cleansing shit happening over there. I’m quite sure about that.»
Entgegen meiner Richtung reisend, in warmen Kleidern vor dem beissenden Wind versteckt, erzählt mir das englische Paar von seinen absurden Beobachtungen jenseits der Grenze. Auf über 3000 Metern liegt die Siedlung Sarytasch still in der Einöde. So einsam und rau wie Murghab.
Hier entscheidet sich, ob man nach links abbiegt und über den Grenzort Irkeshtam in den äussersten Westen Chinas oder in die andere Richtung, den Hochebenen des Pamirs entgegen, nach Tadschikistan aufbricht.
Hier oben entspringt auch der Wachsch, der sich seinen eigenen Weg durchs Pamirgebirge nach Tadschikistan sucht. Schliesslich holt er den Pandsch, dem ich fünf Tage lang auf dem Pamir-Highway entlang gefahren bin, an der afghanischen Grenze ab und einigt sich mit ihm auf den Namen Amudarja.
Nach der kurzen Grenze, die sich Afghanistan auch mit Usbekistan teilt, macht der Amudarja einen Abstecher durch den Norden Turkmenistans, knapp an Turkmenabat und Furkats Haus vorbei, bevor er wieder zurück nach Usbekistan fliesst und seine Wassermassen den Resten des Aralsees überlässt. Es ist der Fluss, an dem Chingiz und seine Freunde mitten in der Nacht Fische für mich fingen.
Fast eine Woche gab ich meinem Körper Zeit, um sich von den schwindelerregenden Höhen des Pamirs zu erholen. In Osh schlürfte ich Ingwer-Tee, während draussen der kühle Herbstwind den Bäumen ihre Kleider entriss und auch die letzten Menschen von den Strassen in ihre geheizten Häuser scheuchte.
Auch in Kirgisistan hätte es so einiges zu entdecken gegeben, doch der Kunjerab-Pass, das heikelste Nadelöhr auf meiner Route nach Indien, könnte im Falle verfrühter Schneefälle von heute auf morgen geschlossen werden.
Um kein unnötiges Risiko einzugehen, entscheide ich mich, die kirgisischen Berge und Seen auf einen späteren Besuch zu vertrösten und den Weg Richtung Süden anzutreten. Obwohl Kashgar noch ein Stück östlich liegt, teilt sich Sarytasch bereits den selben Längengrad mit Islamabad und Bombay.
Als hätte ich ihn bestellt, hält schon bald ein kleiner Van an der Kreuzung und nimmt mich mit zur Grenze, wo irgendwo im Niemandsland das Theaterstück Xinjiang mit seiner Aufführung beginnt.
Gleich aus zwei chinesischen Zeitschriften mit Karl Marx auf dem Titelbild darf man sich entscheiden, während man darauf wartet, dass einem Laptop, Smartphones und Festplatten abgenommen werden. Ich grüble noch heute, was sie mit meinen Geräten wohl angestellt haben.
Dennis, dem Russen, der gerne nur per Anhalter fahren würde, erklären die Grenzbeamten ohne Umschweife, dass er entweder in das für uns bereitstehende Taxi einsteigen und dafür bezahlen oder zurück nach Kirgisistan gehen könne.
Nach 150 Kilometern mit Kameras und Zäunen umgebener Autobahn, folgt der nächste Hightech-Checkpoint, bevor wir in eine Geisterstadt abbiegen, wo wir lange vor einem leeren Gebäude auf weiteres Grenzpersonal warten.
Es ist bereits dunkel, als wir endlich einen chinesischen Stempel in unsere Pässe bekommen und zum ersten Mal selbst entscheiden dürfen, wie und ob wir uns fortbewegen wollen. Nach Mitternacht und weiteren unzähligen Sicherheitskontrollen, erreichen wir endlich Kashgar, das eigentlich nur knapp zweihundert Kilometer von Sarytash entfernt liegt.
Als Ausländer wird man in Kashgar zwar in Ruhe gelassen, doch man spürt den Druck des Überwachungsstaates in jedem Winkel der Stadt.
Noch bis vor zehn Jahren soll hier das Flair der Seidenstrasse überlebt haben. Die muslimische Minderheit der Uiguren soll ihren Glauben frei ausgelebt haben. Doch heute fällt es schwer, sich das vorzustellen.
Es wimmelt von Polizei, Sicherheitsschranken, Knüppeln, Hunden, Waffen.
An Kreuzungen flimmern die Blitze der Kameras, die jedes passierende Auto registrieren. Sogar in Taxis wird man von mehreren Linsen observiert, wobei es sich dabei auch um abschreckende Attrappen handeln könnte. Jede Strasse in der Altstadt beginnt und endet mit einem kleinen Checkpoint. Fähnchen mit der chinesischen Flagge hängen Meter für Meter entlang der Häuserzeilen. Auch die Altstadt fühlt sich wie eine ausgestopfte Attrappe an; leblos, steril und menschenleer.
Restaurantbesitzer, meist Uiguren, sind gesetzlich dazu verpflichtet, ihre Küchenmesser an Ketten zu sichern, was von Polizisten gerne überprüft wird.
Etwas ausserhalb der Altstadt schlendere ich nachmittags zwischen kommunistischen Denkmälern und protzigen Gebäuden verträumt über den Bürgersteig.
Inmitten der Menschen, die zu Fuss unterwegs sind, stehen in einem mit Absperrband umzäunten Viereck zwei Jugendliche in Schuluniform und ein erwachsener Polizist in voller Kampfmontur. Sie bewegen sich nicht, ihre Augen fixieren einen Punkt in der Ferne, ihre Blicke grimmig bis ausdruckslos. Alle drei halten einen grossen, hölzernen Knüppel in der Hand. Direkter könnte die Botschaft nicht sein.
Im Gegensatz zu Turkmenistan erwischt mich die verstörende Lage Xinjiangs unvorbereitet. Es fällt schwer, den Artikeln internationaler Zeitungen, die ich nun zu durchstöbern beginne, keinen Glauben zu schenken.
Die chinesische Regierung soll hier dutzende sogenannte reeducation camps betreiben, in denen über eine Million Uiguren und andere ethnische Minderheiten zu grosschinakonformen Bürgern umerzogen werden sollen.
Abends esse ich mit Dennis und einigen anderen jungen Reisenden leckere chinesische Gerichte an verschiedenen Ständen. Der einzige Chinese in unserer Gruppe tut mir leid, da er in seinem Heimatland der Einzige ist, dessen Englisch niemand versteht. Alle Ausländer beschäftigt nur ein Thema, während wir durch die Altstadt schlendern. Dennis versucht den jungen Chinesen von seinem «this is for our safety»-Mantra zu heilen, womit er wenig Erfolg hat.
/Altstadt von Kashgar
Schon am zweiten Tag in Kashgar steige ich in einen Minibus nach Tashkorgan, wo ich ein Busticket für die Fahrt über den Kunjerab-Pass auftreiben will. Die Fahrt geht nun über den Karakorum-Highway, der in Kashgar beginnt und mich hoffentlich unversehrt bis nach Islamabad führen wird.
Die Landschaften lassen mich die Probleme Xinjiangs für eine Weile vergessen.
Milchkaffeebraune Hügel, dahinter Berge wie braune Schokolade, über die die Wolken den Schnee wie Zucker gestreut haben. Weiter entfernt schwarze Schokolade, wo jemand mit dem Zucker komplett übertrieben hat. Ein paar kleine Dörfer. Ohne die Kamele könnte ich genauso gut noch auf der Mondoberfläche des Pamirs sein.
Ein paar Soldaten, die wir ein Stück mitnehmen, verabschieden sich an der Abzweigung der Strasse, die über den Qolma-Pass nach Tadschikistan führt. Eine Abkürzung, die ich leider nicht nehmen durfte. «Tashkurgan Tajik Autonomous Region», ruft ein riesiges Schild aus dem Nebel. Doch nun weiss ich, was «Autonomous» in der Provinz Xinjiang, die sich über die dreifache Fläche Frankreichs erstreckt, wohl bedeutet.
Neben dem einzigen Hostel Tashkorgans esse ich spätabends Nudeln und schaue den vielen Chinesen bei der Völlerei zu.
Mit Zigaretten im Mundwinkel sitzen sie im Rauch blinzelnd um die Tische, die sie mit Essen beladen, das sie in einem Jahr nicht verspeisen könnten. Dazu steht der gesamte Alkohol, den man an einem Abend zu trinken beabsichtigt, bereits auf dem Tisch.
Die chinesische Küche wäre eigentlich fabelhaft, doch das zähe Fleisch und die Abfallberge unter den Tischen verderben mir den Appetit.
Nicht nur ihre Politik, sondern auch die Chinesen selbst erwecken nun meine Missgunst. Natürlich eine ungerechtfertigte Verallgemeinerung, doch zum ersten Mal fehlt mir die Motivation, meine Vorurteile loszuwerden.
Ein dünner Schneeteppich liegt über Taschkorgan, als ich morgens, in all meine Kleider gepackt, nach meinem Busticket suche. Der Neuschnee verleiht der Atmosphäre etwas Frisches und Versöhnliches. Im Hintergrund breiter Strassen und weisser Häuserreihen die verschneiten Berge.
Auch der Überwachungsterror scheint hier abgeschwächt, obwohl ich auch in dem kleinen Lokal, in dem ich später frühstücke, von einer Kamera observiert werde.
Die ältere Chinesin serviert mir mit breitem Grinsen ein leckeres Omelett mit Kräutern und Ei und eine Art Kürbissuppe.
Mittags fahre ich in einem Taxi zum Kunjerab-Port, der wie ein Flughafen am Stadtrand liegt. Nachdem ich der Grenzbeamten all ihre Fragen über die vielen Stempel in meinem Pass beantwortet habe, besteige ich schliesslich, mit einer Horde schwer bepackter Pakistaner und einem Koreaner, den Semisleeper-Bus.
Gerade als ich mich zwischen die qualmenden Pakistaner lege, fängt sich mein Magen an zu drehen. Wieder verpasse ich ein gutes Stück Mondlandschaft aus gesundheitlichen Gründen, als ich versuche, meine Magenverstimmung wegzuschlafen.
Kurz vor der Passhöhe und dem berühmten Tor, dass auf 4800 Metern über Meer den höchsten Grenzübergang der Welt markiert, hält der Bus an und nervöse Chinesen fordern die Insassen auf, in einer Reihe neben den Bus zu stehen. Mit ihren grossen Hüten und langen Bärten stehen die Pakistaner alle in einer schönen Reihe und lassen zum letzten Mal ihre Pässe von den Chinesen durchblättern, während ich China als Abschiedsgruss an den Stacheldraht kotze. Ein gar nicht so unpassendes Feedback, denke ich, als ich mich wieder in den Bus lege.
Wie befürchtet, hält der Bus nicht für ein Foto an, als er durchs Tor fährt, sondern wechselt nur von der rechten auf die linke Spur und beendet somit die dunkle Episode Xinjiang.
Somit habe ich den höchsten Punkt meiner Reise passiert. Bis Indien geht es nur noch abwärts.
Nach zwei weiteren Stunden Fahrt durch raue Berge und später herbstliche Wälder, als ich endlich wieder etwas schlafen könnte, erreichen wir Sost.
Nach einer gefühlten Ewigkeit stempelt man mir endlich meinen Pass und ich bin offiziell in Pakistan. Keine hundert Meter weiter finde ich ein schmuddeliges Hotelzimmer, wo ich auf der Toilette den letzten Rest Chinas loswerde, bevor ich in einen tiefen Schlaf falle.