Noch immer eingelullt von der iranischen Ehrlichkeit, überraschen mich die faulen Tricks der Taxifahrer, die mir zwischen Turkmenabat und Buchara meine Dollars aus der Tasche ziehen wollen. Nette Locals versuchen vergebens, meine steigende Wut mit ihrer Hilfsbereitschaft zu kühlen. Erst als ich vor der Zitadelle Bucharas stehe, verfliegt mein Zorn.
Zwischen einem Riesenhaufen Unesco-Welterbe lade ich meine Batterien neu auf. Besser als im Iran gefallen mir die Moscheen und Medresen rund um das historische Zentrum Bucharas. Es ist zwar etwas touristisch, dafür komfortabel und einigermassen günstig, hier ein paar Tage zu verbringen.
Nach einer etwas rauen Landung in der turkmenischen Wüste, erwacht mein Optimismus für Zentralasien wieder.
Als ich noch überlege, ob es sich lohnt, die siebenhundert Kilometer Wüste zu durchqueren, die mich vom übrig gebliebenen Teil des Aralsees trennen, erfahre ich, dass dort in wenigen Tagen ein Festival stattfinden soll. Also entscheide ich mich für den Abstecher.
In Nukus, der Hauptstadt der autonomen Republik Karakalpakistan besuche ich das staatliche Kunstmuseum. Das Erbe Igor Sawizkis, der als erster Direktor des Museums seinem Sammeltrieb freien Lauf liess, auch am hinterletzten Gemälde interessiert, das jemand auf dem Dachboden seines Elternhauses aus dem Staub zog. Dank ihm findet man in Nukus heute mitten in der usbekischen Wüste die weltweit grösste Sammlung Russischer Avantgarde nach derjenigen in Sankt Petersburg.
Ausser dieser Zeitreise hat die Stadt nicht viel zu bieten. Keine geschichtsträchtige Altstadt wie Buchara, dafür auch keine George-Orwell-Atmosphäre wie Turkmenabat.
«Aber nun sag mal, bei euch in Europa, bekommt ihr das Geld zum Reisen vom Staat oder ist das euer eigenes?», fragt Chingiz vom Steuer.
Ich bin der Einzige der lacht, nachdem ich an seinem fragenden Blick im Rückspiegel erkenne, dass er die Frage ernst meint. Die Strasse ist ziemlich uneben, weshalb Timur und mir auf der Rückbank immer mal wieder die Decke auf den Kopf kracht, wenn Chingiz von einer Bodenwelle überrascht wird. «Natürlich ist das unser eigenes Geld, warum sollten wir denn Geld vom Staat bekommen, um zu reisen?», frage ich immer noch lachend.
«Das habe ich natürlich auch gedacht, aber die Europäer sind immer auf einer unendlichen Reise, durch unzählige Länder. Wenn ich reise, gehe ich für fünf Tage nach Almaty oder Taschkent.»
Als ich vor zwei Tagen vor dem Shop in Nukus, in dem ich mir eine usbekische Sim-Karte gekauft hatte, Chingiz und seinem Freund über den Weg lief, kamen wir schnell auf das Festival in Muinak zu sprechen. Dankend nahm ich an, als er mich einlud, mit seinen Freunden mit dem Auto dorthin zu fahren.
Chingiz, Timur und Umid sind alle etwas älter als ich, verheiratet und arbeiten in der gleichen Firma. Ihrem Chef haben sie gesagt, sie müssten unbedingt zu diesem Festival, um Werbung für ihren Telecomanbieter zu machen. Unterwegs treffen wir auf ihren Vorgesetzten, der in einem zweiten Auto mit seinem Freund ebenfalls zur Markterschliessung mitfährt.
Wie eine riesige Haifischflosse ragt das Aralsee-Monument auf dem Hügel, der vor kurzem noch keiner war, in den Wind. Das Geländer, das einen früher wohl davon abhielt ins Wasser zu fallen, schützt einen heute vom vielleicht nicht tödlichen, aber sicher schmerzvollen Fall den steilen Hang hinunter. Als letzte Erinnerung an den Aralsee liegen auf dem einstigen Grund sieben dunkelbraune Boote, bis auf die letzte Schraube durchgerostet, im hellbraunen Sand vor Anker.
Unweit des Monuments, ein gutes Stück hinter dem Restaurant, werden die letzten Bühnenelemente zusammengeschraubt. Ausgerechnet mit elektronischer Tanzmusik erhofft sich das Komitee des STIHIA-Festivals internationale Aufmerksamkeit auf die Tragödie des Aralsees zu lenken. Ein Nachbeben der Sowjetunion, die sich statt der einheimischen Fischerei nur für ihre Baumwollindustrie interessierte und mit der Umleitung der Zuflüsse den See der Wüste überliess.
Doch nicht nur für die Tragödie des Aralsees, sondern auch für die politische Öffnung des Landes steht das erste Festival elektronischer Musik in Usbekistan.
Als ich die über hundert Polizisten sehe, die in der untergehenden Sonne für ein Gruppenfoto posieren, frage ich Chingiz, ob heute auch noch eine Polizeiparade hier stattfinden würde. Ausser ein paar anderen Freaks scheinen wir bisher die einzigen Gäste zu sein.
«Nein, das ist das Polizeiaufgebot für heute Abend», antwortet Chingiz, während er ein Foto schiesst von der unendlichen Wüstenlandschaft hinter der Bühne, die mal mit Wasser gefüllt war.
Trotz grosser Bühne und noch grösserer Polizeipräsenz frage ich mich, wie viele Leute sich heute Abend wohl nach Muinak, das über tausend Kilometer von der usbekischen Hauptstadt Taschkent entfernt liegt, verirren werden.
Als die zwölf Reisebusse, vollgestopft mit jungen Tanzwütigen aus aller Welt ankommen, ist die Zufahrtsstrasse bereits von Menschenmassen verstopft, sodass viele Busse ihre menschliche Fracht irgendwo auf die Strasse kippen, wo sie sich mit der Menge vereint. Die Leute aus dem Dorf kommen und kommen und kommen. Der Menschenstrom bricht nicht mehr ab, bis ich und Chingiz uns einig sind, dass es nun zwischen fünf- und zehntausend sein müssen. Die Lokalbevölkerung scheint niemanden zuhause gelassen zu haben, was sich in ihrer Anzahl und Diversität zeigt.
Die Szenerie wird immer surrealer. Ein ausgetrockneter See, eine überdimensionale Bühne, ein paar Freaks und wohl mindestens neunzig Prozent der Einwohner Muinaks. Es kann losgehen.
Während der ersten Basslines, die durch die Nacht wummern, führt eine Tanzgruppe eine Art Performance auf. Das heisst, sie tanzen einfach, doch die unzähligen Polizisten, die sie mit dem Gesicht zur Menge einkreisen, geben dem Ganzen einen offiziellen Charakter.
Spätestens beim dritten Song schliessen die Locals ihre Münder und fangen ebenfalls zu tanzen an. Während die farbigen Lichtkegel von der Bühnenkonstruktion aus komplizierte Muster in die Nacht schneiden und die Bässe das Publikum ohrfeigen, verschmilzt alles zu einer homogenen Masse. Junge Frauen mit Dreadlocks, von Tattoos und Piercings übersät, neben alten Frauen in usbekischen Trachten, die lachende Kinder auf ihren Rücken tragen. Junge Schlitzohren, zwischen fröhlich irritierten Polizisten. Der beste Kulturen-Eintopf, den ich je kosten durfte.
Glücklich grinsend zeigen alte Männer ihre furchigen Lachfalten und Goldzähne, tanzen, wo sie einst badeten und fischten.
In der Dunkelheit kann man sich einfach vorstellen, das Wasser wäre noch da. Die Fischerei würde florieren und der See wäre noch grösser als die Schweiz. Die Zukunft hätte Muinak noch nicht den Rücken gekehrt.
/Sicht auf den ehemaligen Aral-See in Muinak
Ich bin ziemlich redselig nach dem karakalpakistanischen Vodka, den ich mit Stanislav und seiner Freundin, die er dafür in ihrem Zelt aus dem Schlaf gerüttelt hat, trinken musste.
Nach unendlicher Suche biegt Chingiz von der Schotterstrasse in ein Waldstück ab, wo wir tatsächlich den Boss, wie wir seinen Vorgesetzten nennen, mit seinem Freund, gemütlich am Fluss sitzend vorfinden. Zwei Ruten stecken am Flussufer im Boden.
Zu mehr Vodka schneidet der Boss Zwiebeln, Tomaten und Knoblauch in eine kleine Schale, bevor er das Glas hebt und einen Toast an mich richtet: «Das Festival, meine lieben Freunde. Ich bin so stolz. Jetzt geht es aufwärts mit Usbekistan! Nächstes Jahr kommst du wieder, mit Frau und Kindern!»
Noch vor dem nächsten Glas beisst der erste Fisch an, den Umid unter grossem Jubel aus dem Wasser zieht. Bei einem weiteren Glas bedanke ich mich bei meinen neuen Freunden, wünsche ihnen und ihrem Land alles Gute für die Zukunft.
Wir legen solange Holz nach, bis sich die Nacht scheu zurückzieht, irgendwann das andere Ufer und immer mehr der Landschaft um uns herum preisgibt. Ich sitze müde am Feuer, am Ufer des Amudarja, der sein Wasser weit entfernt von hier unbeirrt den Resten des Aralsees spendet, danke den Reisegöttern für diese unglaubliche Nacht, bis der Wald am Horizont zu brennen beginnt und die Sonne über einem neuen Tag aufgeht.
Die Handflächen gegen den Himmel geöffnet, murmeln die Passagiere in meinem Abteil Gebete, bevor sie sich mit einem erlösenden Seufzen mit den Handflächen von oben nach unten übers Gesicht streichen.
Die farbigen Dächer verschwinden und die übliche Wüstenkulisse stellt sich ein, als der Zug nach Samarkand Nukus verlässt. Eine Frau zwängt sich mit einem geräucherten Fisch durch den mit Gepäck und Menschen überfüllten Gang, hält ihn, eine Geruchswolke im Schlepptau, potenziellen Kunden unter die Nase. Der Schaffner, der sich nun hinsetzt, um sich in die angeregte Diskussion in unserem Abteil zu vertiefen, sieht aus, als hätte er noch heute je eine Faust auf seine Augen bekommen.
Neben ihm sitzen zwei alte Frauen, bedeckt mit Proviant für eine ganze Weltreise. Ich und das Mädchen neben mir sitzen still da und beobachten die grosszügig mit Goldzähnen bestückten zentralasiatischen Gesichter.
Der Mann im weissen Poloshirt, der mir gegenüber sitzt, versucht eine Unterhaltung, doch die kleine Schnittmenge unserer Sprachkenntnisse hat zur Folge, dass wir mehr gestikulieren als reden. Als zwei kleine Jungs den Gang entlang schleichen, hält er sie fest und bittet sie, mit mir English zu reden und ein paar Informationen zu übersetzen. Bisher entstand selten ein Gespräch, wenn Kinder aufgefordert wurden, mir ihr Schulenglisch vorzuführen. Doch der Grössere der beiden setzt sich mir gegenüber hin und fragt mit überlegenem Grinsen in makellosem Englisch: «How many planets are there in the solar system?»
Mit offenem Mund halte ich erfolglos nach einem Gesicht Ausschau, das mein Erstaunen teilt.
Ich plaudere lange mit Pachradin und seinem kleinen Bruder Nuradin, dessen Englisch noch etwas vernuschelt zwischen den Milchzähnen hervorquillt. Englisch hätten sie grösstenteils aus Cartoons gelernt. Ihr Lieblingsspiel ist: Was hättest du lieber? Einen Hurricane oder ein Erdbeben? Gegen tausend Moskitos oder ein Krokodil kämpfen?
Nach einer Weile kommt ihr Vater vom anderen Ende des Wagens dazu und liefert ein paar Hintergrundinfos. Die Familie lebt in China, was neben Karakalpak, der Sprache der Provinz, aus der wir gerade kommen, eine weitere Sprache ins Spiel bringt. Nur Usbekisch scheint den beiden Mühe zu bereiten. Ihre Mutter lässt mir vom anderen Ende des Wagens einen Teller voll mit Samosas und Trauben zukommen, die ich brav esse.
Im Zugrestaurant lerne ich Vladimir kennen, der in Usbekistan geboren, aber in Italien aufgewachsen ist. Nach dem Festival will er nun Verwandte in Samarkand besuchen und verspricht, mir die Stadt zu zeigen.
Zurück in meinem Abteil fängt das Abenteuer Aralsee an, seinen Tribut zu fordern, rüttelt mich immer wieder aus dem Schlaf, bis ich mich frühmorgens, kurz vor Samarkand, in die Zugtoilette übergebe. Es war also doch keine so gute Idee, morgens am Amudarja rohen Fisch zum Frühstück zu essen. Doch wenn einem jemand mitten in der Nacht einen Fisch fängt und zubereitet, dann isst man ihn, auch wenn er roh ist und die Hygiene in der Feldküche vieles zu wünschen übrig lässt.
Im Iran hatte ich drei Wochen lang alles verputzt was auf den Tisch kam, ohne dass mein Magen je protestiert hätte, was mich schlussendlich wohl etwas zu übermütig werden liess.
In Samarkand spüre ich zum ersten Mal Regentropfen auf meiner Haut, seit ich meine Reise angetreten habe. Mein Körper erholt sich in den ersten Tagen in Samarkand nur langsam von der Usbekischen Wüste, meine Lippen immer noch spröde vom Salz, das über das Grab des Aralsees weht.
Vladimir kann kaum meine Genesung abwarten, um mich kreuz und quer durch die Kulturgüter Samarkands zu schleppen. Er hält seine Tour auf Italienisch, ich rede Englisch mit ihm. Von seinen schwindelerregenden Redeschwällen und vom Denken in drei Sprachen benebelt, lasse ich mich von einem Bauwerk zum nächsten zerren.
Zu meinem offiziellen Guide und Übersetzer wird er, als mich das usbekische Fernsehen vor der Grabstätte Amir Timurs – des tyrannischen Eroberers und Nachfahren Dschingis Khans – über meinen Eindruck Usbekistans befragt. Zu meinen bisherigen Erlebnissen fällt mir nur Positives ein, wobei ich mich frage, wie stark Vladimir meine Aussagen andernfalls in seiner Übersetzung zensieren würde.
Als wir die Registan-Anlage im Zentrum Samarkands erreichen, zwingt mich die Schönheit der Architektur, kurz Platz zu nehmen. Während zwei junge Usbeken ein Selfie mit mir schiessen, bewundere ich die atemberaubenden Moscheen, Mausoleen und Medresen die an eine Zeit erinnern, in der Zentralasien noch seine eigene Geschichte schrieb, wo Buchara und Samarkand noch blühende Handels- und Kulturzentren an der Seidenstrasse und Hauptstädte grosser Khanate waren.
/Sher-Dor-Madrasa, Teil der Registan-Anlage, Samarkand
Die Touristen, die sich hierher verirren, kommen, um die Monumente einer lange verschwundenen Welt zu bestaunen, während hinter den sogenannten Sehenswürdigkeiten noch der postsowjetische Kater in der trockenen Luft hängt.
Unter Islom Karimov, der sich seit der Loslösung von der Sowjetunion von einer Amtszeit in die nächste mogelte, soll Usbekistan schwierige Zeiten erlebt haben, doch von dem undemokratischen und politisch autoritären Land, als das es immer noch gerne bezeichnet wird, habe ich nichts zu Gesicht bekommen. Nicht nur das STIHIA-Festival hat in mir den Eindruck erweckt, dass es vorwärts geht in diesem Land.