Am ersten Tag zieht es uns nach Westen in die Provinz Lorestan, wo die Männer riesige Hosen tragen und man Lurisch spricht, was zwar mit dem Persischen nah verwandt, aber trotzdem nicht nur ein Dialekt dessen ist. Mehrad muss sich wohl wie ein Deutscher fühlen, der versucht, urchige Innerschweizer zu verstehen.
Wir warten nie lange bis jemand anhält. Einmal stoppt Mehrad sogar ein Auto, bevor ich meinen Rucksack aus dem vorherigen gezogen habe.
In der einbrechenden Dunkelheit erreichen wir ein kleines Dorf nach Shahr-e Kord, der letzten grossen Stadt auf unserer Route nach Sar-Agha Seyed.
In einem charmanten Haus in einem versteckten Winkel des Dorfes finden wir bei einer liebenswürdigen Familie Unterschlupf für die Nacht. Ich zeige den staunenden Kindern beim Tee meinen Pass, helfe einem Buben bei seinen Englisch-Hausaufgaben und schaue danach Fussball mit ihm. FC Persepolis aus Teheran scheint im Iran das weitaus beliebteste Team zu sein.
Wir essen kleine Gurken mit Salz, Brot, Käse und eine würzige Suppe auf dem Balkon. Die Kinder wollen wissen, wie viel ein Lamborghini kostet, der Vater, wie viel man in der Schweiz als Lehrer verdient.
Mehrad bekommt einen Gebetsteppich und man weist ihm die Richtung nach Mekka. Dann sitzen wir auf dem Fenstersims, rauchen und schauen verträumt über das idyllische Dörfchen. Wir hören dasselbe persische Lied, das Mehrad so oft hört, aber immer betont, dass der Text nicht übersetzbar sei. Es wird sich für immer in mein Gedächtnis brennen. In der Ferne bellen Hunde, tief am Himmel ein Mond, hell und beinahe so voll wie mein Kopf mit Erinnerungen an die wenigen Tage, die ich erst in diesem Land bin.
In der Mittagshitze latschen wir lange erfolglos der Strasse nach Sar-Agha Seyed entlang. Wir trinken Tee im Zelt eines Imkers, der hier das ganze Jahr mit seinen Bienenkisten zwischen zwei erdigen Hügeln an der Strasse lebt. Im Winter sei es schon ziemlich kalt, aber sonst okay.
An einer Wasserstelle hält schlussendlich ein Truck, der bis ins Dorf fährt und uns mitnimmt. Die Hügel um uns werden höher, steiler, steiniger und machen schliesslich den Bergen Platz.
Nach zweieinhalb Stunden Staub, Einöde und ungemütlichen Spitzkehren kommen wir in Sar-Agha Seyed an. Der Lastwagen wird entladen und Mehrad und ich werden von einem neuen Ali in seinen Shop am Eingang des Dorfes verfrachtet und erstmal mit Tee versorgt.
In einen steilen Hang gepflanzt liegt das Dorf, in den Schoss hoher Berge gebettet, zufrieden in der Nachmittagssonne. Auf dem Dach von Alis Shop, wo wir später zwischen staunenden Kinderaugen unser Zelt aufstellen, hat man den besten Ausblick aufs Dorf. Das Dach jedes Hauses dient dem nächsten als Boden oder Vorplatz. Dicht ineinander verkeilt wuchern die Häuser wie Unkraut den Abhang hinauf. Betrachtet man die Bauart aus der Nähe, scheint es, als müsste man nur irgendwo ein streichholzgrosses Stück Holz herausziehen und das gesamte Dorf würde in einer Lawine aus Menschen, Tieren und Baumaterial ins Tal donnern.
Das Dorf bestünde aus einer einzigen Familie, erklären uns die zwei Männer, die uns auf einen Rundgang mitnehmen. Alle ziehen an einem Strang. Während oberhalb Holzgerüste vorbereitet werden, schlagen neben dem Schrein am unteren Ende der Häuser einige Männer mit blossen Händen und riesigen Hämmern Steinblöcke für die Hausmauern aus dem Berg.
Abends wickeln wir auf Alis Dach gebratenen Thunfisch und Eier in unsere Fladenbrote und merken plötzlich, was für einen Hunger wir haben. Danach kochen wir Tee, trinken, rauchen und schauen übers Dorf, dessen schimmernde Lichter der Nacht den letzten Widerstand leisten. Aus jedem kleinsten Winkel wehen Gesprächsfetzen und Hundegebell zu uns herauf. Ich kann lange nicht einschlafen, weil ich immer wieder neue Geräusche höre. Irgendwann schleicht ein Esel übers Dach.
/Mehrad, an der Strasse nach Sar-Agha Seyed
/Sar-Agha Seyed, westlich von Isfahan
Im Schatten vor Alis Shop warten wir mittags geduldig auf ein Fahrzeug, das aus dem Dorf fährt. Schliesslich bietet man uns an, mit dem Pickup mitzufahren, der einen kranken Jungen ins Krankenhaus bringen müsse.
Wir bedanken uns bei Ali und verabschieden uns. Ich hinterlasse ihm meine Powerbank, da er mir immer wieder erklärt, wie schwierig es im Winter hier oben sei, sein Handy zu laden.
Als wir uns auf die brandheisse Ladefläche setzen und Mehrads Matte darauf ausbreiten, mache ich mir noch Sorgen um die Sonne, der wir nun eine Weile ausgesetzt sein werden. Doch sobald der Fahrer aufs Gas drückt, wird mir bewusst, dass sein Fahrstil definitiv die grössere Gefahr darstellt. Als er losrast, fliegen wir durch die Gegend wie Gummibälle. Ein kleiner Junge, der wohl zum Spass mitfährt, ist von dem Gewackel wenig beeindruckt. Er klettert über die Ladefläche wie über einen Kinderspielplatz, setzt sich aufs Dach der Führerkabine und singt, bis wir in weniger als der Hälfte der Zeit, die wir für die Hinfahrt brauchten, mit verstaubten Lungen im nächstgrösseren Ort ankommen.
Zwei junge Männer, in deren Auto wir spätnachmittags sitzen, bieten uns schliesslich ein Quartier für die Nacht an. In einer Kleinstadt irgendwo zwischen Isfahan und Schiras führen sie uns in eine ziemlich heruntergekommene Wohnung. Nachdem sie uns ihren Mitbewohner vorstellen, betreten wir alle ein kleines Zimmer, in dem am Boden ein kleiner Gasherd einsam vor sich hin lodert. Während sich die Beiden, von erfreut klingenden persischen Worten begleitet, die Hände reiben, freue ich mich darüber, dass wir wohl bald etwas essen würden. Sie setzen sich im Schneidersitz vor den Ofen und bewaffnen sich mit einem dünnen Plastikröhrchen. Aus einem kleinen Grip nehmen sie etwas braunes, das wie Haschisch aussieht und kleben es auf ein kleines, längliches Stück Holz. Den Zweck des Gasherds erkenne ich erst, als einer der beiden einen kleinen glühenden Draht aus den Flammen zieht, ihn an den Opiumklumpen hält und mit dem Plastikröhrchen im Mund sorgfältig, aber entschlossen, den dadurch aufsteigenden Rauch inhaliert. Sein Freund klaubt ihm ungeduldig das Werkzeug aus der Hand und wiederholt das Ganze. Gemeinsam mit ihrem dritten Freund lassen sie dem Draht für zwei volle Stunden keine Ruhe mehr.
Später tuckern wir in ihrem Auto durch die Gegend. Die drei Jungs – so breit wie die iranischen Strassen – zeigen uns ihre Stadt und spendieren uns ein Falafel-Sandwich.
Wieder um den Gasherd sitzend, singen sie mit voller Hingabe ein Gutenachtlied für uns, bevor ich es mir in einem anderen Raum auf dem Teppich bequem mache und bald einschlafe.
Einen weiteren Tag trampen wir durch die trockene Hitze. Je näher wir unserem Ziel kommen, desto schmaler und ruhiger werden die Strassen. Spätnachmittags rettet uns ein klimatisierter SUV aus dem Staub und fährt uns bis an unser Ziel.
Von einem kleinen Dorf aus führt ein Weg in eine steile Schlucht, vorbei an sieben Wasserfällen. In der Dämmerung, nachdem mit unserem Fahrer auch die restlichen Sonntagstouristen verschwunden sind, klettern wir in die Felsen und finden unseren Schlafplatz unterhalb eines weiteren Wasserfalls, der tosend in einen grossen Pool stürzt, eingeklemmt zwischen zwei hohen roten Felswänden und mit dichten Baumkronen überdacht.
Während das Tageslicht sich endgültig verabschiedet, stellt Mehrad neben einem riesigen Felsblock unser Zelt auf, bevor er auf meinem iPhone die Richtung nach Mekka ausfindig macht.
Nach einem erfrischenden Bad im Bergbach machen wir uns an den Abstieg und erleben einen weiteren Tag, an dem die Anhaltergötter es gut mit uns meinen.
Um aus dem Dorf zu kommen, müssen wir zwar jemanden bezahlen, doch schon im zweiten Auto, das uns mitnimmt, sitzt ein Rentnerpaar aus Schiras, das uns auf der Fahrt dorthin konstant mit Datteln und Tee versorgt.
In einem gepflegten Wohnblock ausserhalb von Schiras kocht man uns ein wunderbares Abendessen und zu einer Dusche bekommen wir sogar unser eigenes kleines Zimmer.
Maryam, die Tochter des Hauses, sieht ihre Zukunft kaum positiver als Mehrads Uni-Freunde. Um ihre Chancen zu vergrössern, diesem Land irgendwann den Rücken zu kehren, hat sie Englisch studiert. Ich geniesse das Gespräch, bin seit langem wieder der zweitbeste Englischsprechende und merke, dass ich mich seit dem ersten Tag im Iran nicht mehr mit einer Frau in meinem Alter unterhalten habe.
/Autostopp, irgendwo zwischen Isfahan und Schiras
Nach einem Abschiedsfrühstück mit der Familie fahren wir mit der Snap-App, der iranischen Version von Uber, in die Stadt, die doch noch etwas entfernt ist.
Meinetwegen könnten wir uns nun auch mal ein Hostel suchen, doch das wäre für Mehrad, den leidenschaftlichsten Anhalter Persiens, nichts als eine traurige Niederlage.
Spätnachmittags sitzen wir in der untergehenden Sonne am Strassenrand. All unsere Versuche, eine kostenlose Bleibe zu finden, sind gescheitert und ich erkenne in Mehrad einmal mehr den perfekten Reisegefährten, da es ihn genauso wenig zu kümmern scheint wie mich. Die Obdachlosigkeit scheint uns eher zu amüsieren.
Mehrad bringt den Vorschlag, ein Schild zu basteln, auf dem steht, dass wir irgendwo schlafen wollen und uns jemand bitte zu sich nach Hause mitnehmen soll.
Verdutzt kneifen die Menschen in den vorbeifahrenden Autos ihre Augen zusammen, als ich mich kurz darauf grinsend, das Stück Karton – auf dem steht, dass wir eine Bleibe suchen – hoch erhoben, an eine grosse Kreuzung stelle. Manche lächeln, manche runzeln die Stirn, aber die allermeisten, die uns ansprechen, kritisieren Mehrads Schreibweise. Kheile bad! Sehr schlecht.
Unser Schild bringt uns zwar ein gutes Abendessen in der wohl luxuriösesten Küche in Schiras ein, doch dabei bleibt es letztendlich. Für fünf Dollar pro Person bekommen wir in einem Hostel ein Zimmer mit vier Betten, sehr sauber, sehr gross. Auf dem Rücken liegend beobachte ich den Ventilator an der Decke und freue mich über die weiche Matratze. Mehrad nagt noch an seinem verletzten Anhalterstolz und ist auch noch überzeugt davon, dass er um halb zehn aufstehen und wenigstens das inbegriffene Frühstück geniessen wird.
Zumindest einen Tag lang gebe ich dem Sightseeing nach und lasse mich von Mehrad von einem paradiesischen Garten in den nächsten führen, lege meine Hand auf das Grab des grossen persischen Poeten Hafis und betrachte den farbigen Schimmer, der das Sonnenlicht durch die Fenster der Nasir-al-Mulk-Moschee auf die Teppiche in ihrem Innenraum wirft. Doch so schön und unbekannt die iranische Architektur für mich auch ist, merke ich schon bald, dass ich keinen Tag mit Mehrad auf den Strassen des Irans, wo man den Menschen so ungedämpft und echt begegnet, gegen Sightseeing in Schiras eintauschen würde.
Beim Busterminal in Schiras, trinken wir am Tag darauf den letzten Tee zusammen. Ich bedanke mich bei Mehrad dafür, dass er mir genau den Iran gezeigt hat, den ich sehen wollte. Wir umarmen uns, er küsst mich iranisch auf die Wange und sagt, er werde mich vermissen. Als er um die nächste Ecke verschwindet, sitze ich alleine auf dieser Bank und frage mich, ob ich ihn in meinem Leben noch einmal sehen werde.
Frühmorgens weckt mich die aufgehende Sonne. Der Bus gleitet durch eine märchenhafte Sandwüste über feinen Asphalt. In nur einer Nacht bin ich quer durch den Iran nach Maschad, im Nordosten des Landes, gereist. Abends besuche ich den Schrein von Imam Reza, dem achten Imam der Zwölferschiiten, die im Iran die grosse Mehrheit ausmachen. Im Strom der Menschenmassen stehen uniformierte Männer, die mit farbigen Staubwedeln wie Verkehrspolizisten versuchen die Mengen durch den atemberaubenden Gebäudekomplex zu lenken. Jeder kleinste Winkel glänzt. Fussballfelder voll betender Menschen. Wie ein landender Krähenschwarm sieht es aus, wenn sich tausende in ihre Tschadors gewickelte Frauen gegen Westen beugen.
Zum Abschied lädt mich die Familie des Hostels am Tag darauf in ihre Wohnung zum Mittagessen ein. Mutter und Tante kochen, während der ältere Sohn mir seine Miningfarm im Nebenzimmer erklärt. Kryptowährungen seien lukrativer als ein normaler Job.
Die Hardware hat sein Vater vorgeschossen, der billige Strom kommt aus dem unteren Stock, der als Studentenunterkunft registriert ist.
Während der Vater über sein Regime wettert und ich Hühnchen und Reis in mich reinschaufle, schiele ich ständig zur Uhr, die über der Tür hängt und überschlage immer wieder die Zeit, die mir noch bleibt, um die turkmenische Grenze zu erreichen.
Schlussendlich ist es bereits zwei Uhr nachmittags, als ich in ein Taxi steige, um an einen besseren Anhalterspot, etwas ausserhalb von Maschad, zu fahren. Der Taxifahrer ist so erfreut über seinen exotischen Gast, dass er mehrmals Leuten auf der Strasse zuhupt, mit dem Daumen auf seine Rückbank zeigt und so etwas zu sagen scheint wie: «Zieht euch das rein Leute, habt ihr das gesehen? Ein Europäer! In meinem Taxi!»
Ich warte kaum eine Minute, bis ein Wagen hält, als ich den Daumen in den Verkehr strecke. Als würdiger Abschied, führt mir der Fahrer die klassischen Elemente einer iranischen Autofahrt noch einmal vor. Mit einem Zuckerwürfel zwischen den Zähnen, kippt er sich den Chai Tasse um Tasse in den Hals, raucht Kette, brüllt in sein Handy und fährt wie ein Spinner. Dazu darf natürlich auch die Einladung zur Übernachtung nicht fehlen. Doch ich muss ablehnen, mein Visum läuft heute ab.
All die guten Vorurteile haben sich bestätigt, die schlechten haben sich in Luft aufgelöst oder gut versteckt, zwischen den Begegnungen mit fröhlichen, liebenswürdigen und vor allem unglaublich gastfreundlichen Menschen. Ein Land, von der Welt wie ein verstossenes Kind behandelt, ausgeschlossen, sanktioniert und ausgehungert, doch immer zäh genug, um weiter zu bestehen. Die Öffnung scheint eine Frage der Zeit, doch die einzigen, die daran kein Interesse haben, sind wohl die Mächtigen auf beiden Seiten. Der Schmerz ist in jeder Ecke spürbar. Wenn Maryam sagt, sie habe ihr Studium nur aufgrund der höheren Chancen abzuhauen gewählt. Oder der alte Mann im Bus, der mit leuchtenden Augen aus der Zeit «before the revolution» erzählt, wie er als Pilot in die Schweiz und die USA geflogen sei.
Doch wenn Mehrad von seinem Vater erzählt, der der Meinung war, dass es vor der Revolution, unter dem Schah, sogar noch schlimmer gewesen sei, wird mir bewusst, dass drei Wochen nicht reichen, den Iran zu verstehen, nur genügen, sich in ihn zu verlieben.