Iran I

Aus dem Fenster des Kleinbusses, der uns nach Täbris bringen sollte, betrachtete ich die vorbeiziehende Landschaft. Die Strasse schlängelte sich durch erdig braune Hügel, hier und da mit ein paar Bäumen geschmückt und von kleinen Bächen durchzogen. Die unzähligen Stunden, die ich in die Planung dieser Reise investiert hatte, trugen nun die ersten Früchte. Auch wenn ich schon eine Weile unterwegs gewesen war, mich von Basel über den Balkan bis in die Osttürkei durchgeschlagen hatte, fühlte sich die Überquerung dieser Grenze wie der eigentliche Beginn meiner Reise an.

Seit der Grenze, vor der sich Mahtab und Behnaz, zwei junge Iranerinnen, die in der Türkei studieren, noch schnell ihre Tücher um den Kopf wickelten, sitzen drei Männer weniger im Auto. «Die suchen sich Schlepper, haben keine Papiere», erklärt mir Behnaz. Streng konzentriert versuche ich meinen Chai, der mir gereicht wurde, nicht zu verschütten, während der Fahrer selbstmörderisch die Kurven kratzt. Plötzlich die ersten Kamele. Persien. So weit, so gut.

Als der Fahrer eine Weile darauf an einem Checkpoint hält, späht ein Soldat in den Kleinbus, fragt wo ich her sei, geht zum Kofferraum, wirft einen Blick aufs Gepäck, kommt wieder zur Seitentür, zeigt auf mich und sagt: «Come!»
Ich klettere zwischen den Sitzen hervor, gehe auf die zwei Uniformierten zu und grüsse. «Salam!» erwidert der eine und schüttelt mir die Hand. «No Farsi?», fragt er. Als ich verneine sagt er: «Welcome to Iran. Have a nice day.» Ich schüttle den beiden grinsend die Hand und klettere zurück zwischen wohlwollend lächelnde Gesichter. Ein Mann dreht sich nach hinten und meint: «Wir wollen doch alle weg aus dem Iran und du kommst hier her? Was stimmt denn nicht mit dir?», worauf alle in sein warmes Lachen einstimmen.

Die Dreistigkeit, mit der man sich im Teheraner Verkehr seine Lücke erkämpft, muss ich mir am ersten Tag aneignen, um überhaupt die Strasse überqueren zu können. Wer zögert oder sich fürchtet, bleibt den ganzen Tag am Strassenrand stehen.
Die Hitze brennt auf der Haut. Die Luft ist schwer. In jeder U-Bahn sind die hintersten und vordersten Wagen mit «women only» gekennzeichnet. Auch Busse sind nach Geschlechtern getrennt. Alle Frauen tragen den vorgeschriebenen Hijab, viele den Tschador, der ausser dem Gesicht den ganzen Körper verhüllt. An den Pflastern auf den Nasen erkennt man, wer als letztes beim Schönheitschirurgen war.
Alkohol ist verboten, doch als ich im Hostel ankomme, wird mir als erstes selbstgebrautes Bier angeboten. Als Nichtmuslime gelten für die Hostelbesitzer diesbezüglich andere Regeln. Die Bezahlung wird hier nur noch in Dollars akzeptiert, da der Rialkurs stetig sinkt. Wohl vor allem, weil Donald mal wieder trötzelt.

Als ich am zweiten Abend in Teheran die Treppenstufen der U-Bahn-Haltestelle Taleqani emporsteige, studiere ich wieder den grossen Schriftzug, der in blau und gelb fröhlich verkündet: «Down With USA». Da kaum mehr Menschen unterwegs sind, traue ich mich nun, ein Foto davon zu machen. Doch noch bevor ich mein iPhone wieder in die Hosentasche stecke, kommt aus dem Nichts ein junger Mann auf einem Fahrrad angerollt und fragt verständnislos: «Can I ask, please, why is this interesting?»
Nachdem ich ihm erkläre, wie aussergewöhnlich der direkte Angriff gegenüber einer anderen Nation im öffentlichen Raum für mich sei, sagt er verzweifelt: «Yes, yes… but this is bullshit!»
Ich spendiere ihm eine Zigarette und wir setzen uns auf die Mauer neben der U-Bahn-Station. Er heisst Mehrad, ist dreiundzwanzig Jahre alt, studiert irgendwas mit Statistik und ist gerade auf dem Weg zur Wohnung seines Freundes. Wir kennen uns nicht länger als zehn Minuten als er mir vorschlägt, mit ihm seine Familie in der Nähe von Isfahan zu besuchen.

Im reichen Norden Teherans parkt Mehrad am nächsten Abend das Auto seiner Mutter vor dem Dormitory seiner Universität. Hier schlafen nur Jungs, weit weg vom Mädchenhaus, das für Mehrad und seine Freunde unter keinen Umständen betretbar ist. Widerstrebend lasse ich mir vom Wachmann meinen Pass abnehmen.
Ein Raum, den sich sechs Jungs aus allen Ecken des Irans teilen, kaum grösser als das Wohnzimmer in meiner WG. Bücher und Kleider in orientierungslosen Haufen über die Betten und den Boden verteilt. Als ich mich aufs Fenstersims setze, werde ich sogleich von allen Anwesenden umringt. Das beste Englisch setzt sich meist durch. Ich fühle mich geschmeichelt und beantworte ausführlich.
Doch auch ich frage und lerne den Refrain schnell: Wir hassen dieses Land. The Mullahs are fucking this country! Was müssen wir tun, um nach Europa zu kommen?
Mehrad, zum drittbesten Englischsprecher degradiert, tritt in den Hintergrund. Obwohl er sich etwas über die anderen Jungs, die mir mit ihren Fragen keine Ruhe lassen, zu nerven scheint, hört er aufmerksam zu.
Er sitzt neben mir auf dem Fenstersims, von dem aus die Zigarettenstummel etwa zwanzig Meter in die Tiefe fallen und neben ein paar am Boden zerschellten Stühlen, die wohl jemand nicht mehr haben wollte, bei ihrem Aufprall ein letztes Mal aufglühen. Von hier aus hat man eine atemberaubende Aussicht über Teheran.
Die Jungs gefallen mir. Einer von ihnen, der schon etwa hundert Mal erklärt hat, wie froh er sei, mich kennengelernt zu haben, verschwindet für etwa zwanzig Minuten und kommt mit Abendessen für alle zurück. Auf einer Plastikdecke setzen wir uns in einem Kreis um die Bratpfanne, aus der sich jeder mit gebratenen Eiern, Tomaten und Würsten bedient, die man möglichst ohne Sauerei in sein Fladenbrot wickelt und isst.
Ich bin froh, meinen Pass wieder auf mir zu tragen, als wir auf dem Highway unter der Tabiat-Brücke hindurch Richtung Süden brettern. Mehrad dreht die Anlage voll auf. «Weisst du, viel Musik ist verboten im Iran», erklärt er.
«Die, die gerade läuft zum Beispiel. Und der Song davor. Und der davor auch.»
«Hab ich gehört, aber warum ist denn diese Musik, die gerade läuft, verboten?»
«Because a woman can not sing!», seufzt Mehrad.
Irgendwo im Süden der Stadt wohnen drei seiner Freunde, zu denen er gestern unterwegs war, in einer hübschen kleinen Wohnung. An der Küchenwand hängen grosse Poster von Marlon Brando und Robert de Niro. Die Jungs sind, wie Mehrad, alle totale Filmfreaks und noch bevor ich mir ihre Namen merken kann, streiten wir uns über den besten Tarantino-Film.
In dem kleinen Rauchereckchen, das wohl mal als Dusche oder eine Art Waschraum gedacht war, lassen die Jungs ihrer Wut über ihr Land freien Lauf, auch wenn sie oft nicht alles auf Englisch übersetzen können. Der Iran ist scheisse. Und der Islam ist scheisse. «Ich bin Atheist», sagt Mojtaba.

/U-Bahn-Haltestelle Taleqani, Teheran

Nach zwei weiteren Tagen in Teheran, in denen ich mein Visum um zehn Tage verlängern lassen kann, holt mich Mehrad nachmittags vor meinem Hostel ab. Mehrads Mutter überlässt mir den Beifahrersitz und wedelt abwehrend mit ihren Armen, als ich ihr meine Hand hinstrecke, statt sie aufs Herz zu legen, wie im Iran bei der Begrüssung des anderen Geschlechts üblich.
Mehrad steuert das Auto erfahren durch das allabendliche Verkehrschaos Teherans. Nachdem wir seine Tante einladen, kriechen wir weiter und weiter Richtung Süden, entkommen langsam den langen Armen der Stadt, bevor die nächtliche Wüste uns verschluckt.
Nach Mitternacht erreichen wir Natanz, eine kleine Stadt vor den Toren des Kuhrud Gebirges, unweit des Highways, der sich von Teheran durch die Wüste nach Isfahan zieht. Natanz wurde wohl international für seine Atom-Anlage zur Urananreicherung bekannt. «USA hate this place!», lacht Mehrad.

Wir verbringen ein paar Tage im Haus seines Onkels, schlafen im Zelt auf dem Dach, rauchen hinter dem Haus, oder auch mal vor dem Haus, wenn niemand schaut.
Es gibt immer etwas zu essen. Frische Wasser- oder Honigmelonen, knackige, kleine Gurken, die man mit etwas Salz verspeist, Datteln, Reis, Hühnchen und Fladenbrot in allen Varianten.
Mehrad und ich fahren durch die Gegend, baden in einem kleinen Bach oberhalb der Stadt. Es sind gerade Ferien und das iranische Volk liegt in den Pärken verstreut. Man trinkt Tee, grilliert oder schläft irgendwo im Schatten eines Baumes.
Wir lernen uns kennen und mögen. Mehrad ist oft kein grosser Redner. Dann geniesse ich die Stille mit ihm. Er ist ein Lulatsch und seine Art wie er sich bewegt, wie er redet und wie er denkt, zwingt einem, ihn zu lieben. Egal über was oder mit wem er in Farsi spricht, es klingt immer, als würde er die andere Person ausschimpfen.
Er träumt davon, in Texas, mit Cowboyhut auf dem Kopf, auf einem Pferd zu reiten und mit zwei Revolvern in der Gegend rumzuschiessen.
Da nicht nur Facebook, sondern auch Youtube nur via VPN erreichbar ist, lädt er seine Musik über einen Telegram-Chat runter. Man schreibt eine Nachricht, wie an eine Person, doch stattdessen antwortet eine Software, die den Titel für einen sucht, herunterlädt und einem zurückschickt. Von Bob Marley hat er noch nie gehört.

/Mehrad im Studentenwohnheim, im Norden Teherans

Mehrad ist ein grosser Autostopp-Fan und denkt mittlerweile nicht mehr daran, mich alleine losziehen zu lassen. Nach zwei schönen Tagen mit seiner Familie machen wir uns abends mit dem Auto seiner Mutter auf nach Isfahan. Für mich fühlt es sich fremd an, seiner Mutter und seiner Tante, die meinen Magen mit Essen und meine Seele mit ihrer Herzlichkeit gefüllt haben, beim Abschied nicht einmal die Hand schütteln zu können. In meiner Welt wäre mindestens eine Umarmung angebracht.

In Dolatabad, einem Vorort Isfahans, halten wir vor einem Laden am Strassenrand. Ein junger Mann streckt mit breitem Lächeln seinen Kopf ins Auto und küsst uns beide auf beide Wangen. Wir steigen aus, schütteln fleissig Hände und betreten den Shop. In dem länglichen Raum, reihen sich den Wänden entlang Computerbildschirme, wie in einem Internetcafe. Ein paar Jungs, nicht älter als acht Jahre, sitzen vor den Bildschirmen und spielen Counterstrike. Immer mal wieder hört man jemanden fluchen. Ein kleiner afghanischer Junge staunt bei meinem Anblick. Seine Hände schwarz, wie die Nacht in der Zisterne von Natanz, die Zähne leuchtend weiss, lächelt er überglücklich. «Er arbeitet. Als Müllmann», erklärt Kamran, der zusammen mit Alishram diese kuriose Spielhölle betreibt.
Später machen wir uns mit den beiden auf zum Kreisel, wo die Strasse nach Isfahan den Vorort verlässt. Wie die kleinen Jungs im Laden, staunen auch die vielen jungen Männer, die hier auf einer Decke sitzend Karten spielen, singen, Zigaretten und Shisha rauchen, als sie mich erblicken. Bobak, wohl der Jüngste, spielt mir sogleich pantomimisch vor, wie er mich in sein Herz packt, das Herz abschliesst, den Schlüssel in einen Safe legt, den Safe abschliesst und den Safeschlüssel wegwirft. Alle wollen ihr Selfie mit dem Ausländer und alle wollen ihn die persischen Flüche lehren.

Nachdem wir mit Alishram in Bobaks Garten schlafen, bricht Mehrad mittags zurück nach Teheran auf, um seinen Rucksack zu packen. Mich überlässt er der persischen Gastfreundschaft.
Wir anderen machen uns, wie gestern bereits abgemacht, auf den Weg zum Fussballfeld. Während ich noch das Bild eines braunen, vertrockneten Rasens im Kopf habe, stehen wir plötzlich in einer Turnhalle. Mein Rockstarleben geht weiter, alle wollen den Europäer spielen sehen. Dass wir in einer Turnhalle sind, hält die wenigsten davon ab, sich eine Zigarette anzustecken, als wir verschwitzt für ein Gruppenfoto auf der Tribüne Platz nehmen. Milad schenkt mir zur Feier des Tages sein knallgelbes Trikot des Isfahaner Fussballclubs FC Sepahan.
Hungrig machen wir uns in Alis Wohnzimmer über das bestellte Essen her und trinken selbstgemachtes Dugh, das persische Jogurtgetränk zwischen Lassi und Ayran. Kamran erklärt mir mit Händen, Füssen und viel Geduld, dass nun zwei Stunden geschlafen wird, bevor wir alle zusammen nach Isfahan fahren. Bobak versucht die Fremdsprache gar nicht erst, doch wer lächelt wie Bobak, braucht keine Worte.
Mit vollem Magen und frisch geduscht, im kühlen Wind der Klimaanlage auf dem Teppich liegend, erfüllt mich eine tiefe Zufriedenheit. Ich fühle mich zuhause, in einem fremden Land, mit drei Leuten, die ich keine vierundzwanzig Stunden kenne und deren Sprache ich nicht spreche.

Während die Sonne im Westen, genau gegenüber des aufgehenden Mondes, gelb und rund wie eine Ampel Richtung Horizont sinkt, die Grünphase der Tagestemperatur ankündigt, brummen wir mit offenen Fenstern Richtung Isfahan.
Auf dem 90’000 Quadratmeter grossen Naqsh-e-Jahan-Platz, im Herzen Persiens, kreuzt mein Pfad den Massentourismus. Ich bin froh, wenigstens hier gewesen zu sein, doch noch glücklicher, als wir wieder gehen.

Auch nach Tagen verwirren mich all die krummen Gassen von Dolatabad. So eintönig braun die Mauern und der Sand, so bunt und fröhlich eingerichtet sind die zahlreichen Wohnzimmer, die ich zu Gesicht bekomme.
Schon bald finde ich mich damit ab, nie zu wissen, was als nächstes passiert. Trotz der Sprachbarriere bin ich schon bald fester Bestandteil der Bande, die Tag für Tag an den selben Orten im Kollektiv die Zeit totschlägt.
Abends trifft man sich in einem Shisha-Keller, spielt ein Spiel Namens Mafia-Boss, bei dem Einer nach dem Anderen erklären muss, weshalb er nicht der Mafia-Boss sein könne. Ich sitze an die Wand gelehnt, blase Zigarettenrauch in den Raum und lausche den persischen Monologen, die durch den Raum tanzen.
Jede Nacht schlafen wir auf einem anderen Teppich, wobei sich die Jungs gar nichts anderes gewohnt zu sein scheinen. Wo man zur Schlafenszeit gerade ist, nimmt man sich ein Kissen und schlummert ein.

Am dritten Abend, nachdem Alishram und ich uns in einem Hamam vom Staub und Dreck der letzten Tage befreien lassen, steht Mehrad grinsend in der Tür der Kinder-Spielhölle.
Als wir am nächsten Tag losziehen wollen, bettelt Ali, wir müssten noch eine Nacht bleiben. «Nein wir gehen heute! Haben wir gestern so abgemacht», versuche ich ihm zu erklären, doch Mehrad meint nur: «Das ist eben der Tarouf. Hospitality! Alis Mamma kocht noch einmal für uns, da müssen wir halt noch eine Nacht bleiben.»
Abends sitzen wir also noch einmal vor Alis Haus auf dem Teppich, rauchen, reden, schmatzen Melonenschnitze.
Die ganze Meute ist versammelt. Alis Mamma kocht für uns. Plötzlich hört man jemanden durchs Tor kommen und noch bevor ich die Situation fassen kann, steht ein Mullah in Alishrams Garten und all diese Jungs, die ich seit Tagen rauchen, trinken und rumblödeln gesehen habe, stehen plötzlich scheu lächelnd, kerzengerade auf der Erde und versuchen hilflos, mit ihren Zehenspitzen Aschenbecher und Zigaretten unter dem Teppich zu verstecken. Der Mullah wirft ein paar Worte in den Raum, die wie eine Mischung aus Begrüssung und Verabschiedung klingen, und macht sich – so schnell wie er aufgetaucht ist – wieder aus dem Staub. Auch wenn ich immer wieder nachbohre, will mir das im Nachhinein niemand so genau erklären.

Am 28. August machen Mehrad und ich uns dann tatsächlich auf den Weg. Ali schenkt mir sein T-Shirt, ich schenke ihm eine Tafel Schweizer Schokolade. Auf einer staubigen Abzweigung ein letztes Selfie und eine letzte Umarmung für den Abschied von Alishram, dem guten Menschen von Isfahan. Dann sind Mehrad und ich zum ersten Mal seit fünf Tagen wieder alleine.
Und während die Welt der Jungs aus dem Vorort im Rückspiegel des ersten Autos, das uns mitnimmt, kleiner und kleiner wird, beginnt unser eigentliches Abenteuer.