Pakistan II

Da der Babusar-Pass bereits eingeschneit ist, dauert die Fahrt nach Islamabad mehr als zwölf Stunden. Ein letztes Mal begegne ich dem Treffpunkt der drei höchsten Gebirgszüge der Welt, Himalaya, Karakorum und Hindukusch, während der Fahrer meines Shared-Taxis Richtung Süden rast. Wie ein Gokart reisst er seinen Wagen durch die engen Kurven des Karakorum-Highways, dessen Zustand mit jedem Meter, den man sich von China entfernt, mehr zu wünschen übrig lässt. Hätte ich noch einen frischeren Vergleich zu europäischem Fahrverhalten, würde ich wohl weinen.
Nach Mitternacht wache ich in Rawalpindi, der Zwillingstadt Islamabads auf, als grimmige Soldaten an einem Checkpoint unser Auto durchsuchen.

Auch Islamabad empfängt mich mit offenen Armen. Kaum habe ich mir die achtzehnstündige Achterbahnfahrt aus den Knochen geschlafen, sitze ich mit drei Jungs in einer einfachen Wohnung, wo ich mir die jüngsten Meinungen zur pakistanischen Politik erfrage und von meiner Reise erzähle. Danach jammen wir mit einer klassischen Gitarre und einer Rubab und einmal mehr bin ich mir sicher, dass ich hier nicht gelandet wäre, wenn ich nach diesem Moment gesucht hätte.
Muddabir, der mit mir im Hostel wohnt, hat mich einfach mitgeschleppt, nachdem er mir half, eine pakistanische Sim-Karte aufzutreiben.
Von den Margalla Hills geniessen wir später die Aussicht über das Lichtermeer Islamabads.
Strassen so breit wie Fussballfelder teilen die Stadt in perfekte Quadrate, die fantasielose Namen aus einer Zahl und einem Buchstaben tragen. Am Fusse der Hügel die Faisal-Moschee, wie ein riesiges weisses Zelt. Am rechten Ende der Stadt mein Hostel, am linken die Residenz des ehemaligen Kricketprofis und jetzigen Premierministers Imran Khan.

Vor der Faisal Moschee nehme ich mit einem letzten Foto Abschied von Islamabad.
Mit dem Zugticket nach Lahore in der Hosentasche, begrüsse ich einen lächelnden Taxifahrer, der schlauerweise bereits losfährt, bevor er mir die schlechten Nachrichten zu meinem Ziel überbringt: «Zug nach Lahore? Nein, das geht nicht. Kein Zug.»
«Was soll das heissen, kein Zug? Ich hab doch das Ticket gestern schon gekauft? Bring mich an den Bahnhof in Rawalpindi!» antworte ich, ein Missverständnis erwartend.
«Kein Zug. Heute Kein Zug. Probleme, wegen Politik, Imran Khan, Asia Bibi», sagt er unbeirrt und erklärt mir in Zeichensprache den Konflikt zwischen dem Premierminister und den islamischen Hardlinern. Sein Gesicht im Rückspiegel scheint etwas verwirrt von meiner Ahnungslosigkeit. Ich habe wohl einiges verpasst in den letzten zwei Tagen, in denen ich mit einer Magenverstimmung vor allem im Hostel rumhing.
«Wie komme ich denn jetzt nach Lahore?», frage ich den ersten Englischsprechenden, den ich finde, nachdem man mir auch am Busbahnhof die gleiche Geschichte erzählt. «I guess no option», antwortet er mit viel Mitleid in der Stimme. «What? Are you kidding me?», rufe ich entrüstet. «Yes!» antwortet er, meint damit aber leider: «No.»

Ich rauche auf dem Hostelbalkon, sitze meine Zeit ab, während ganz Pakistan im chaotischen Höhepunkt der Asia Bibi-Geschichte versinkt.
Schon zehn Jahre ist es her, seit die pakistanische Christin sich blasphemisch über den Propheten geäussert haben soll.
Ihr Freispruch durch das Supreme Court Pakistans, trotz einstigem Todesurteil, scheint nicht allen zu gefallen. Im ganzen Land versperren nun wütende Männer die Strassen, blockieren alle Hauptverkehrsachsen von Karatschi bis Islamabad.
Ich selbst treffe niemanden, der diese Proteste unterstützt. Eher entschuldigt man sich bei mir für die Umstände.
«Es tut mir so leid, dass du das miterleben musst wie diese Arschlöcher da draussen die Strassen blockieren. Eine Schande für unser Land!», regt sich Elisha auf, als ich – zurück im Hostel – mit ihm die Nachrichten schaue.
Schlussendlich verschwinden die Proteste so schnell wie sie aufgetaucht sind, nachdem die Regierung eine Vereinbarung mit den Demonstranten trifft, bei der die Islamisten so gut wie nichts erreichen. «Das läuft nicht mehr in Pakistan. Die Zeiten der religiösen Hardliner sind vorüber!», freut sich Usman, der mir das Chaos in den Medien übersetzt.

/Faisal-Moschee, Islamabad

Die Zwillingsstädte sind «back to business», als ich nach zwei verwarteten Tagen neben dem Bahnhof in Rawalpindi Chai trinke und Dal mit Chapatis verdrücke. Der Koch und sein Gehilfe unterhalten sich erst auf Urdu und zeigen auf mein iPhone, das neben mir auf dem Tisch liegt, bevor sie mich auffordern, es in den Rucksack zu packen. Auch in Pakistan ist dieses Phänomen nicht verschwunden. Überall werde ich mit offenen Armen und Herzen empfangen, man bezahlt Essen für mich, lässt mich übernachten, aber niemals vergisst man, mich vor den Anderen zu warnen.
Kaum im Zug hingesessen, hab ich schon ein Abteil voller Freunde, die mir Löcher in den Bauch fragen.
Man bietet mir Essen an, das die Zugangestellten verkaufen und kaum hab ich fünf mal nein gesagt, schon steht der Teller da und wird bezahlt.
Auch eine Cola kann man so oft dankend ablehnen wie man will, das hat eigentlich keinen Einfluss aufs Geschehen.
Mein Nachbar will seine leere Dose unter dem Sitz entsorgen, aber der Mann neben ihm weist ihn zurecht, zeigt aufs Fenster und schon fliegt die Dose fachgerecht aus dem Zug. Ich amüsiere mich gut, während wir durch die Vororte Rawalpindis holpern.

Am Bahnhof in Lahore teile ich mir eine Schale Kichererbsen-Dal mit Abubakar, einem meiner Freunde aus dem Zug, bevor ich mich in einer Riksha auf die Suche nach Ahmads Haus mache. Die Couchsurf-Götter meinen es gut mit mir, beglücken mich mit einem eigenen Zimmer inklusive Bad.
In Ahmads gemütlichem Wohnzimmer trinken wir Tee und rauchen einen dicken Joint, den Ahmad gekonnt dreht, was ich in Pakistan nach all den mit Haschisch gefüllten Zigaretten zum ersten Mal sehe.
Ich bin schon bald ziemlich high, geniesse unser Gespräch, obwohl ich ständig den Faden verliere. Bevor ich schlafen gehe, entwirft Ahmad mir einen Schlachtplan fürs Sightseeing in Lahore.

So kolossal die Badshahi-Moschee in rostig-rötlichem Braun in der Sonne glüht, so klein wirkt sie neben der grossen Leere des Hofes, der sie umgibt. Auf über zwanzigtausend Quadratmetern schlendern Besucher und Gläubige auf und ab, ihre Socken vom roten Sandstein gefärbt.
Abgesehen vom Becken in der Mitte des Hofes, vorgesehen für die vorgeschriebene Waschung vor dem Gebet, und den drei grossen Kuppeln, dominiert der erdige Sandstein das Bild.
Wochen sind vergangen, seitdem ich mit Vladimir in Samarkand vor der Statue Timur Lenks stand. Jahrhunderte vergingen, bis Babur, der Ur-Ur-Ur-Enkel Timurs, das Mogulreich begründete und wieder Jahrhunderte, bis Baburs Ur-Ur-Ur-Enkel Aurangzeb den Bau dieser Moschee anordnete. Ein weiterer Kreis, der sich schliesst, denke ich, während ich durch den umliegenden Park schlendere, ein weiteres Mal tief beeindruckt von der Schönheit der islamischen Architektur.
Plötzlich ein Sikh mit weissem Turban, erzählt mir irgendetwas, ohne sich daran zu stören, dass ich ihn nicht verstehe, schiesst ein Selfie, umarmt und küsst mich und wir gehen beide weiter unseres Weges.
Dann lasse ich mich von der Altstadt verschlucken, wo sich die Blicke erstmals auf meiner Reise starrend anfühlen. Die Gassen sind unglaublich eng, geschäftig wie ein Ameisenhaufen. Knarrende Motorräder, Katzen in Müllhaufen, überall Essen, Dreck und Gestank. So schön wie hässlich.
In die schmerzhaft hohen Frauenstimmen der Bollywoodsongs, die aus einem Laden gegenüber plärren, mischt sich der Verkehrslärm der nächsten Kreuzung.
Ich sitze auf einer Holzbank, lehne mich an die Wand und betrachte die Geckos an der Decke, die sich über die unzähligen Mücken freuen, die das Licht aus dem Chai-Shop anlockt. Ich freue mich mit ihnen, geniesse den Moment inmitten teesüchtiger Pakistaner auf ihrer Insel im harten Alltag und warte, obwohl meine Chemielehrerin mir im Gymnasium die Van-der-Waals-Kräfte genauestens erklärt hat, auf den ersten Gecko im Tee.
Egal wie viel Zähne im Mund, wie hell oder dunkel die Haut – keiner der Männer hier wirkt, als hätte er auch nur eine Minute in seinem Leben am vorbestimmten Verlauf dessen gezweifelt.
Sie verstehen wohl kaum, dass ich nicht in Pakistan bin, um im Karakorum nach Gold zu suchen, den K2 zu besteigen oder in Islamabad Schweizer Uhren zu verkaufen, sondern einzig und allein, um hier mit ihnen zu sitzen, einander Milchtee und Zigaretten zu spendieren und Gespräche zu führen, bei denen das Ritual des sprachlichen Austausches sich selbst genug ist.

/Badshahi-Moschee, Lahore

In einem Schrein sitze ich abends mit geschlossenen Augen an die Wand gelehnt, gehe in meinen Gedanken noch einmal meine ganze Reise durch, bedanke mich, bei wem auch immer, für das extreme Übergewicht an positiven Erfahrungen, denke an all die fremden Menschen, die mich wie einen Bruder empfingen.
Mit vorsichtigen Schritten und der Haltung von jemandem, der nicht weiss, ob es okay ist, wenn er hier ist, gehe ich auf die Männer zu, die in einem Nebenbereich des Schreins unter einem Dach sitzen und rauchen. In einer grossen Pfanne kocht Tee. Ein alter Mann nimmt mich in die Runde auf. Wir rauchen und reden, irgendwann bekomme ich Tee und die, die kein Englisch sprechen, zeigen ihr Interesse indirekt über meinen Gesprächspartner. Dann fliegt, kaum bestellt, eine Haschischzigarette zu uns. Der Mann neben mir nimmt sie erst wieder an, als ich die Hälfte geraucht habe. Eigentlich hatte ich gehofft, hier tanzende Sufis zu sehen, stattdessen bin ich bereits wieder ziemlich benebelt, als ich mit einer Riksha zurück zu Ahmads Haus fahre. Trotzdem glücklich, mit einem guten Schuss Unbesiegbarkeit in den Adern.
Ahmad erklärt mir geduldig die Regeln, während wir in seinem Arbeitszimmer Kricket schauen. Das Spiel gegen Neuseeland findet in Dubai statt, da andere Nationalteams oft nicht nach Pakistan kommen wollen. Von Ahmads Kricketlehre bleibt mir nur, dass es verschieden lange Spielmodi gibt, wobei der längste fünf Tage dauert.

«Allahu Akbar!», rufen tausende Pakistaner wieder und wieder in voller Euphorie und aus tiefster Lunge, auf die schrillen Rufe, die am hinteren Ende der Tribüne aus den Lautsprechern krachen.
Die tägliche Zeremonie am Grenzort in Wagah, nicht weit ausserhalb von Lahore, kann man sich gut wie ein Fussballmatch vorstellen. Doch statt seinem Team feuert man hier sein ganzes Land an. Begleitet von Trommeln und Musik schwingt ein einbeiniger Derwisch eine Pakistan-Fahne, Soldaten mit komischen Helmen liefern sich eine Art Tanzwettbewerb, ohne dabei jemals fremdes Territorium zu betreten, bis unter Trompetenklängen und Trommelwirbeln beide Länder ihre Fahnen einholen. Dann wird das eiserne Tor geschlossen und beide Nationen machen sich auf den Heimweg.
Über dem Mittelteil des Amphitheaters, durch das sich die Menschenmassen nun zurück auf die lange Strasse, die zurück nach Lahore führt, zwängen, hängt ein Portrait Jinnahs, dem Staatsgründer Pakistans, der über die Nacht die indische Hälfte des Grenzstadions im Auge behalten wird. Ein letztes Eisentor und eine letzte Nacht in Pakistan liegen zwischen mir und meinem Ziel.

Wieder komme ich nur schwer aus dem Bett, wieder haben sich die Gespräche in Ahmads Wohnzimmer bis tief in die Nacht gezogen.
An der Haupstrasse esse ich das letzte pakistanische Dal, bevor ich mit einem Uber wieder zur Grenze fahre.
Niamat, der mich gestern Abend von hier mit seiner Riksha zurück nach Lahore gefahren hat, steckt seinen Kopf ins Auto und grinst, schnappt sich meinen Rucksack und lädt ihn auf den kleinen Strassenzug, der mich den restlichen Weg zur Grenze fahren wird, sobald er voll ist.
Ich verteile Zigaretten und warte mit seinen Freunden. Niamat will, dass ich ein Foto von ihm und seiner Riksha mache und es all den Menschen im Internet zeige.
Er winkt mir noch mehrmals nach, als die kleine Reifeneisenbahn davon rollt.

/Niamat mit seiner Riksha, an der indischen Grenze

Mein liebes Pakistan. Ich werde dich vermissen. Du hast mich warm umarmt, deine Versprechen gehalten. Mich in voller Linie begeistert und in keinster Weise enttäuscht. Ich weiss nicht, ob ich wiederkomme, aber ich verspreche dir, der ganzen Welt von dir zu erzählen. Dein Bild hängt etwas schief, ich werde mir Mühe geben, das zu ändern. Khuda Hafiz!

Einhundert Tage sind mittlerweile vergangen, seit ich in Basel in den Zug gestiegen bin. Durch zwölf Länder habe ich meinen Weg gefunden und stehe nun vor meinem vierzigsten Land.
All die Herausforderungen, all die Zeit, die ich davon geträumt habe, auf dem Landweg nach Indien zu reisen, komprimierten sich Tag für Tag, bis mich nun, vor dem grün bemalten Eisentor, nur noch ein letzter Schritt von der Erfüllung meines Traumes trennt.
Aus der Musikanlage auf der indischen Seite hallt Hotel California, während ich durchs menschenleere Amphitheater auf den Tisch zuschreite, an dem vier gelangweilte Inder in Tarnkleidung meinen Pass stempeln.

 

/Die letzten Schritte nach Indien

Abends latsche ich in meinen Flip-Flops durch die geschäftigen Strassen von Amritsar, mein Herz weit geöffnet, mein Vertrauen in die Welt gross. Als ich zum ersten Mal in meinem Leben Kühe in Müllhaufen sitzen sehe, weiss ich, dass ich es geschafft habe. 

Ich bin in Indien und ich beginne mich zu fragen, was ich hier eigentlich wollte.