Eine Schotterstrasse, ein Grenzzaun, ein breites, ausgetrocknetes Flussbett, noch ein Grenzzaun. Bei dem Anblick bin ich froh um mein Visum, das mir die legale Einreise über die Brücke ermöglicht. Die drei jungen Männer in Tarnkleidung, die meinen Pass studieren, sehen aus, als hätten sie die Schule dafür geschwänzt. Genauso interessiert untersucht eine Grenzbeamte mein Gepäck. Lange ist es her, dass ich einer Frau ohne Kopfbedeckung begegnet bin. Während sie meine homöopathischen Mittel auf Drogen testet, zeige ich ihr Fotos meiner letzten Schulklasse.
Etwa so lange wie mein Transitvisum gültig ist, fühlt es sich an, bis die Herren hinter der Glasscheibe endlich damit aufhören, mir wieder und wieder zu erklären, dass ich nur fünf Tage in Turkmenistan bleiben darf.
«Und wie lange bleiben Sie in Mary?»
«Ähm, ich weiss nicht, vielleicht zwei Nächte.»
«Was? Warum denn zwei?»
«Okay dann eben nur eine… Aber irgendwo muss ich die fünf Tage ja schon auch verbringen, oder?»
Nach einem dreistündigen Vorgeschmack der turkmenischen Behörden, sitze ich keine fünf Minuten in Achmetts Taxi in Richtung Mary, als wir am ersten Checkpoint auch schon wieder eine Erklärung schuldig sind. Nach etwas Gefunke mit den Grenzbeamten werden wir dann endlich der Karakum-Wüste überlassen.
Immer dem Flimmern über dem Asphalt entgegen, brettern wir in unserer klimatisierten Blase durch die Wüste, wie ein Raumschiff. Vorbei an Büschen, die der Trockenheit trotzen, vorbei an Sanddünen, Dromedaren und Baumwollfeldern.
Blitzblank glänzen die Marmorsäulen Marys in der Nachmittagssonne. Zwischen zu sauberen Strassen thronen die weissen Prachtbauten und versuchen verzweifelt, den Betrachter auch an ihre innere Schönheit glauben zu lassen. Springbrunnen, viel Grün und die abendliche Beleuchtung, unterstützen sie dabei.
Auf den Gehwegen sieht man Menschen, doch keine Begegnungen. Alles ist weiss. Jede Bank, jeder Zaun, die Moschee, die Bibliothek. Die Polizei, auf den Strassen omnipräsent, winkt ein Auto nach dem anderen zur Routinekontrolle an den Strassenrand.
Für zwanzig Dollar bekomme ich ein Doppelbett, eine Couch und ein Nachttisch, an dem noch der Kaugummi des Vorgängers klebt. WC und Dusche, kein Lavabo. Wasser kommt manchmal. Von der dem Bett entgegengesetzten Wand beäugt mich Mona Lisa mit zynischem Blick. Ich hebe das Bild an, finde dahinter aber zu meiner Erleichterung keine Kamera oder Wanze.
Immerhin ausgeschlafen, schaue ich am nächsten Morgen zu, wie eine ganze Mannschaft einen schneeweissen Zug poliert. Fünf Manat gebe ich dem nach Vodka stinkenden alten Mann in der Bahnhofshalle. Auf Russisch lallt er so etwas wie: «Schau! Das hier ist alles nur wegen dem Präsidenten!» Die Frau am Schalter will meinen Pass sehen, da sie noch nie von der Schweiz gehört hat. Ich zeige ihr auf meinem Smartphone, wo ich herkomme. Wie ein Schulmädchen studiert sie neugierig die Karte, blickt irgendwann auf und fragt mit strahlendem Blick: «Evropa?»
Unweit Marys gäbe es die Ruinen von Merw zu bestaunen. Einst blühende Haltestelle an der Seidenstrasse zwischen Buchara und Maschad, verkriechen sie sich langsam im Sand. Doch ich spüre den Impuls zu fliehen. Nicht einmal mehr auf den Nachmittagszug warten will ich in dieser Stadt.
Nach einem weiteren Ritt durch die Wüste, durch die Autoscheiben von Oras’ Taxi von ihrer Unwirtlichkeit abgeschirmt, komme ich einige Zigaretten und misslungene Kommunikationsversuche später in Turkmenabat, der zweitgrössten turkmenischen Stadt, unweit der usbekischen Grenze, an.
Vor einem der grössten Klötze der Stadt, bitte ich ihn, mich auszuladen.
So beeindruckend gross und geputzt die Fassade, so leer und abgestanden die Lobby. Besetzt von drei verrosteten Männern, die mir schläfrig erklären, dass dieses Hotel aufgrund der Rally, die in Turkmenistan stattfinde, heute geschlossen sei. Eine noch dunklere Lobby erwartet mich im nächsten Hotel, das von aussen genauso royal daherkommt wie fast jedes Gebäude dieser Stadt. Auf dem roten Teppich im Eingang stehend, erkenne ich am Ende des Raumes hinter der Rezeption eine Silhouette, die Arme über dem Kopf gekreuzt. «Closed!», krächzt sie, verängstigt vom Tageslicht, das hinter mir durch die sich schliessende Tür fällt. Auch in der hinterletzten Notschlafstelle will man kein Geschäft mit meiner Müdigkeit machen. Zeit für einen Bahnhof.
Nachdem mir ein Taxifahrer, den ich anschreien muss, bis er in die richtige Richtung fährt, sein Handy in die Hand drückt, aus dem mir sein Englisch sprechender Freund erklären will, ich könne gar nicht nach Usbekistan reisen ohne seine Bestätigung, beginne ich dieses Land zu hassen. Den Zug nach Usbekistan, von dem ich gelesen zu haben dachte, gibt es nicht.
Von der Hitze betäubt, schleppe ich meinen Rucksack durch die Strassen hinter dem Bahnhof, vorbei an der Nationalbibliothek, deren imposanter Anblick mir mittlerweile verrät, dass es bestimmt keine Bücher drin hat. Vor einem weissen Plattenbau verweilen einige Männer mittleren Alters auf einer schattigen Treppe.
Furkhat bietet an, mich für neun Manat – die ich noch habe – statt zehn, zu einem neuen und deshalb sicher auch guten Hotel zu fahren. Doch bevor wir ins Auto steigen, informiert uns sein Freund, dass auch dieses geschlossen sei. Trotzdem bittet er mich einzusteigen. Er fährt um zwei Ecken, begrüsst aus dem Fenster einen älteren Mann, hält an, steigt aus, umarmt ihn, geht durch ein Tor, durch einen Garten in ein Haus. «Du kannst hier schlafen», verkündet er. Innerhalb weniger Augenblicke wird ein Lager für mich eingerichtet, mir das Badezimmer gezeigt. Seine Tante mag ich sofort. Ein angenehm kühler Wind, eine Katze und ein Hund, ein hoher Baum hinter dem Schuppen und ein paar Hühner. Meine Oase im Marmorland.
Erleichtert und zufrieden sitze ich im Schatten der Pergola und fühle mich in meiner Art zu reisen bestätigt. Einfach cool bleiben, dann kommt alles gut. Oder besser.
Ich bekomme eine Art Hühnersuppe, würziges Brot und jede Menge Melonen zum Abendessen. Um acht holt mich Furkat mit seinem Familienauto ab, ich begrüsse seine Frau auf dem Beifahrersitz und zwänge mich neben seine zwei Söhne auf die Rückbank. Englisch spricht niemand, auch Furkat nicht wirklich.
Wir schlendern durch den grossen Park in der Stadtmitte, lassen unsere Blicke von der Gondel des Riesenrads über die Marmorlandschaft schweifen, betrachten die fröhlichen Kinder auf den Spielplätzen. Doch sogar deren Lachen wirkt wie einstudiert. Als ob Familien Geld dafür bekämen, hier den Park zu spielen.
Auf dem Heimweg traue ich mich schliesslich, zu fragen: «Und der Präsident von Turkmenistan? Ist der gut?»
Es gelingt mir nicht, Furkats Lachen, dass er mir als Antwort gibt, klar einzuordnen. Genauso wenig die Worte «Ja» und «sehr gut», die darauf folgen. Mag er den Präsidenten wirklich? Oder lacht er aus Verzweiflung, weil er sich fürchtet, sich ehrlich zu äussern? Gerne hätte ich sein Gesicht gesehen statt seinen Hinterkopf.
Im Gegensatz zum Iran, wo die Menschen keine Maulkörbe tragen, spürt man hier zwischen Wüsten und Marmor die Gefahr lauern, die denken oder gar hinterfragen mit sich bringt. Jedes Gebäude, von aussen glänzend weiss wie ein frisch geschältes Ei, hat nichts als ein fauliges Eigelb zu bieten, wenn man reinbeisst. Ausser den schönen Banknoten und den Dromedaren, gefällt mir nichts an diesem misslungenen Waisenkind der Sowjetunion.
Ich bin froh, Furkat kennengelernt zu haben, sodass ich wenigstens mit dem Gefühl weiterziehen kann, dass Gastfreundschaft und Hilfsbereitschaft auch ein dystopisches Meisterwerk wie Turkmenistan überleben.